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Geschichte
Isabelle Rentsch

Dem Schweigen ein Ende...
AUFBAU EINER BERATUNGSSTELLE FÜR BETROFFENE VON 1989 BIS 1992


Es ist eine besondere Herausforderung für mich, nach über 20 Jahren einen kleinen Eindruck über die Entstehung und die damalige Aufbauarbeit der Beratungsstelle CASTAGNA zu schreiben. Ich habe in meinen Unterlagen nach alten Dokumenten gesucht und habe einen kurzen Text gefunden, den ich im Jahr 1990 in Zusammenhang mit dem Aufbau der Beratungsstelle CASTAGNA geschrieben hatte. Die Zeilen vermitteln einen kleinen Einblick in die Fakten und in den ideellen Hintergrund der damaligen Projekt- und Aufbauarbeit, die von 1989 bis 1992 von einer Gruppe von Frauen geleistet wurde. Einige Frauen waren von Beginn bis zur Eröffnung im Jahr 1992 dabei, andere begleiteten uns für Teilstrecken auf unserem Weg.

Beim Lesen dieses Textes ziehen viele Bilder an mir vorbei. Ich sehe junge, offene Gesichter, voller Elan, begeistert von feministischem Gedankengut! Wir diskutieren an Sitzungen, mit heissen Köpfen und offenem Herzen – streitlustig, empört, traurig, wütend, freudig und voller Begeisterung, endlich etwas bewirken zu wollen, endlich dem Schweigen ein Ende zu setzen, Tabus aufzubrechen und all den Kindern und Jugendlichen, die von sexueller Gewalt betroffen sind, eine Möglichkeit zu bieten, Hilfe zu holen.

Wir vernetzen uns mit anderen bereits bestehenden Frauenprojekten und besuchen Weiterbildungsveranstaltungen zum Thema «sexuelle Gewalt», lesen Fachliteratur und vertiefen uns in Projektbeschriebe bereits bestehender deutscher Beratungsstellen. An Retraiten diskutieren wir unsere neu gewonnenen Erkenntnisse und entwerfen ein Projekt für eine Beratungsstelle in Zürich. Wir starten mit Öffentlichkeitsarbeit, um auf unser Vorhaben aufmerksam zu machen, halten Vorträge und Seminare und versuchen, finanzielle Mittel aufzutreiben. An vielen Wochenenden schreiben wir unermüdlich Briefe und Gesuche an private und öffentliche Institutionen, mit der Bitte um finanzielle Unterstützung. Trotz vieler Absagen lassen wir uns nicht entmutigen.  

Manchmal ist es für uns nicht einfach, für ein Thema einzutreten, das niemand hören will, das uns angreifbar macht. Immer wieder werden wir mit unserem Anliegen nicht ernst genommen und als Emanzen abgewertet. Die Unterstützung anderer, bereits bestehender Frauenprojekte hilft uns sehr, ebenso unsere gegenseitige Solidarität. Wir lachen, schwatzen, kochen, essen zusammen, trinken Wein, gehen spazieren, ziehen uns auch für Tage in die Berge zurück. Wir führen unter uns feministische Grundsatzdiskussionen, ganz existenziell, oft hitzig, bis die Tränen fliessen, wenn wir uns nicht einigen können. Wir sind im Aufbruch, haben alle noch keine Erfahrung darin, Verschiedenheiten anerkennen zu können. Differenzen erleben wir noch sehr schnell als bedrohlich. Unterschiedliche Ansichten und Vorstellungen führen auch zu schmerzlichen Trennungen innerhalb der Gruppe und konfrontieren uns mit der Realität, dass auch wir Frauen nur Menschen sind …  

Im Sommer 1990 gründen wir einen Verein. Besonders beglückt sind wir, als uns im Herbst wie ein Geschenk der Name der zukünftigen Beratungsstelle zufällt. Eine Gruppe betroffener Frauen organisiert im Frauenstock des Kanzleizentrums eine Ausstellung mit Bildern und Texten zu ihrer persönlichen Überlebensgeschichte. Wir unterstützen die Frauen beim Aufbau und der Betreuung der Ausstellung.  

Die Kastanienbäume verlieren gerade ihre Blätter im Herbstwind und erste Kastanien fallen zu Boden. Einige der Früchte liegen noch fest umschlossen und versteckt in ihren grünen Schutzhüllen. Andere sind bereits zu sehen, ihre Hüllen haben sich geöffnet. Einige Kastanien sind aus ihren stacheligen Behausungen herausgekollert und liegen in ihrer vollen Pracht auf der Erde. Mit Herbstblättern und Kastanien schmücken wir nun die Ausstellungsräume im Frauenstock. Die braun glänzenden Früchte, die wie Schätze von ihren schützenden und sich langsam öffnenden Hüllen umschlossen sind, passen wunderbar zu den Bildern und Texten der überlebenden Frauen. Die Idee entsteht, den Verein und die zukünftige Beratungsstelle «CASTAGNA» zu taufen. Die Kastanie, die in sich die Kraft trägt, einen neuen Baum entstehen, wachsen zu lassen und zum Blühen zu bringen, wird so zum Symbol des Wachstums und der Hoffnung für den Verein und die Beratungsstelle.

Im Oktober 1991 stellt der Verein CASTAGNA mit den bisher gesammelten Spendengeldern eine erste Mitarbeiterin ein. Kurz darauf bewilligt der Kanton Zürich eine jährliche Unterstützung der Beratungsstelle für eine Versuchsphase von 3 Jahren. Endlich ist es geschafft, nun steht einer Eröffnung nichts mehr im Weg. Es werden zwei weitere Stellen geschaffen und die Beratungsstelle CASTAGNA wird am 11. Mai 1992 offiziell eröffnet!

Isabelle Rentsch
lic. phil. Psychotherapeutin SPV/SBAP
Spezielle Psychotraumatherapie DeGPT

Sexuelle Ausbeutung:
Aufbau einer Beratungsstelle für Betroffene

Sexuelle Ausbeutung von Kindern ist in der schweizerischen Öffentlichkeit Thema geworden. Viele Frauen haben vermehrt den Mut gefunden, über ihr Trauma und dessen Folgen zu sprechen und Hilfe zu suchen. Im Zuge dieser Entwicklung haben Fachfrauen im Januar 89 eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe gegründet, die es sich zum Ziel gesetzt hat, in Zürich eine Beratungs- und Informationsstelle für Betroffene aufzubauen. Nach eingehender Schwerpunkt- und Strategiediskussion unter Beizug einer Bedürfnisabklärung im Kanton Zürich wurde ein Konzept für den Aufbau und Betrieb einer solchen Stelle erarbeitet.
Dieses Konzept orientiert sich an den Erfahrungen der seit 1982 bestehenden Beratungsstelle «Wildwasser Berlin» und basiert auf folgenden Voraussetzungen: Sexuelle Gewalt muss im Zusammenhang mit der strukturellen Gewalt betrachtet werden, die sich in ungleichen gesellschaftlichen Machtverhältnissen zwischen Männern und Frauen (sowie Kindern) äussert. Insbesondere die sexuelle Ausbeutung von Mädchen und Jungen sowie deren Tabuisierung sind Ausdruck der patriarchalen Machtstruktur, welche es Frauen und Kindern praktisch verunmöglicht, sich gegen die männliche Verfügungsgewalt erfolgreich zu wehren. Diese Tatsache sowie die Symptome und Folgen sexueller Ausbeutung im physischen und psychosozialen Bereich erfordern spezifische Hilfestellung, die von Parteilichkeit für die Betroffenen geprägt ist.
Die Zielsetzung des Projekts: Die Beratungs- und Informationsstelle soll parteiliche Unterstützung und Beratung für sexuell ausgebeutete Kinder und deren Mütter, weibliche Jugendliche und in der Kindheit betroffene Frauen leisten. Fachleuten aus medizinischen, pädagogischen, sozialen und psychotherapeutischen Bereichen sollen Unterstützung und Information angeboten werden, im Interesse der Betroffenen wird konstruktiv mit anderen Institutionen und Projekten zusammengearbeitet.
Im Juni 90 gründete die Arbeitsgruppe einen Verein, der sich mit einem Gesuch um Startkredit an Stadt und Kanton Zürich wandte. Die Stadt lehnte das Gesuch wegen «Finanzknappheit» ab, beim Kanton steht die Beschlussfassung noch aus.
Wir geben jedoch nicht auf: Der Aufruf «Dem Schweigen ein Ende» kann auf Dauer nur dann sinnvoll sein, wenn spezifische Beratungs- und Informationsangebote geschaffen und finanziert werden, die parteiliches Hinhören und parteiliche Hilfestellung ermöglichen.

Isabelle Rentsch, Zürich 1990

Edith Nef

Die ersten 10 Jahre
RÜCKBLICK EINER CASTAGNA-BERATERIN


Am 11. Mai 1992 wurde die Beratungsstelle CASTAGNA an der Stauffacherstrasse 127 in Zürich offiziell eröffnet. Drei Teamfrauen waren trotz ungesicherter finanzieller Lage zu je 60 % angestellt worden und konnten die ersten telefonischen und persönlichen Beratungen aufnehmen. Viel Zeit wurde von Beginn an in die wichtige Vernetzungsarbeit investiert: Es wurden Kontakte zu verschiedensten Institutionen in der Kinder- und Jugendhilfe, zu Mädchen- und Frauenprojekten, zu Behörden von Stadt und Kanton, zu Polizei und Justiz und vor allem auch zu privaten Psychotherapeut(inn)en, zu Rechtsanwält(inn)en u. a. m. aufgebaut.

Die Stadt Zürich hatte einen jährlichen Beitrag an die Betriebskosten während drei Jahren in Aussicht gestellt, als sich eine ganz andere und für die Zukunft sehr bedeutende Weiche stellte. Ab 1.1.1993 wurde die Beratungsstelle CASTAGNA vom Kanton Zürich als offizielle Opferhilfestelle anerkannt. Dies bedeutete, dass 80 % des Budgets durch den Kanton für geleistete Opferhilfe übernommen wurden. Der Rest konnte durch Eigenmittel wie Spenden, Mitgliederbeiträge und eigene Erträge über Vorträge, Weiterbildungen und Kurse gedeckt werden.

Aus heutiger Sicht erscheint mir dies als der gute Stern über CASTAGNA, der von Beginn an schien. Die Anerkennung als Opferhilfe-Beratungsstelle hatte zur Folge, dass die Teamfrauen nicht den grössten Teil ihrer Zeit für die Mittelbeschaffung investieren mussten, sondern ihr Engagement voll und ganz den Betroffenen und der Thematik der sexuellen Ausbeutung auf fachlicher Basis widmen konnten. Natürlich war dies an die Bedingung geknüpft, all die Strukturanpassungen vorzunehmen, um die Anerkennung behalten zu können, und den Betroffenen die Abklärungen und Opferhilfe-Beratungen zukommen zu lassen.

CASTAGNA stellte 1993 eine vierte und 1994 eine fünfte Beraterin ein und die Beratungsstelle wurde im Team geleitet. Im Sommer 1996 konnten grössere Räume an der Universitätstrasse 86 in Zürich bezogen werden, wo sich die Beratungsstelle noch heute befindet. Neu wurde zusätzlich eine Fachfrau für die Administration eingestellt, was eine grosse Entlastung auch hinsichtlich telefonischer Erreichbarkeit bedeutete. Die Struktur der Teamleitung blieb erhalten, aber die unterschiedlichen Bereiche wurden in Ressorts unterteilt und auf möglichst gleichgewichtige Zuständigkeiten verteilt.

Was hat sich aber aus meiner Sicht in diesen ersten 10 Jahren in Bezug auf die Thematik der sexuellen Ausbeutung und die Entwicklung der Beratungsstelle getan? Ich würde sagen, dass es zehn unglaublich lebendige, kreative und herausfordernde Jahre waren – die Jahre des Aufbaus, der Vertiefung und Erweiterung auf allen Ebenen.

Es gab zu Beginn noch sehr wenig Fachliteratur und Forschung. Es fehlten die Erkenntnisse der Auswirkungen von sexueller Ausbeutung und Traumata und die daraus resultierenden neuen Therapieansätze. CASTAGNA kann wohl als eigentliche Pionierin in der Schweiz im Umgang mit dem Thema der sexuellen Ausbeutung von Mädchen und Knaben bezeichnet werden. Durch die intensive thematische Auseinandersetzung der Beraterinnen mit den unterschiedlichsten Themen entwickelte sich eine grosse und differenzierte Fachlichkeit innerhalb der Beratungsstelle. Diese Fachlichkeit wurde schnell sehr gefragt und zwar von Beratungsstellen der Kinder- und Jugendhilfe, von Schulen und ihren Diensten, von Krippen und Heimen, von Behörden, von Polizei, Bezirksanwaltschaften u. a. m., sei es in Form von persönlicher oder telefonischer Fachberatung oder unzähligen Weiterbildungskursen, die CASTAGNA in diesen 10 Jahren gegeben hat. Durch Stellungnahmen in Printmedien, Radio und TV verschaffte sich CASTAGNA Gehör und trug damit zur Sensibilisierung der Öffentlichkeit für dieses Thema bei. Dies wiederum erleichterte vielen Betroffenen den für sie nicht immer einfachen Schritt, sich an unsere Beratungsstelle zu wenden.

Die Beraterinnen selbst vertieften und erweiterten ihr Fachwissen mit regelmässiger Supervision, Team-Intervision und in vielen Weiterbildungen im In- und Ausland.

Die wichtigste Aufgabe war und blieb in den ersten zehn Jahren die Beratung und Unterstützung von Kindern, Jugendlichen, Eltern, Angehörigen, Lehrer(inne)n, Sozialarbeiter(inne)n, Krippenleiter(inne)n, Schulpsycholog(inn)en u. a. m., die mit dem Thema sexueller Ausbeutung in irgendeiner Form zu tun hatten und haben. Der Beratungsansatz von CASTAGNA blieb immer parteilich im Sinne, dass die Betroffenen im Fokus standen. Dass sie geschützt werden sollten und dass sie psychologische, soziale und rechtliche Unterstützung durch CASTAGNA-Mitarbeiterinnen und/oder andere Fachleute erhielten. Durch die Arbeit an der Beratungsbasis entwickelte sich das tiefe Verständnis für die Betroffenen und die Anerkennung ihrer inneren und äusseren Kräfte zur Überwindung der oft schwierigen Situation.

CASTAGNA hat in den ersten zehn Jahren viele Themen, die während dieser Beratungsarbeit auftauchten, aufgegriffen und als thematische Inputs weitergegeben.  Ich erinnere an die Broschüre «Sexuell ausgebeutete Kinder und Jugendliche im Strafverfahren», an das Kinderbuch «Rosa im See» zu Scham- und Schuldgefühlen von Kindern oder an die Themen, die jährlich im Jahresbericht mit einem Schwerpunkt  veröffentlicht wurden, wie «Mütter von sexuell ausgebeuteten Kindern», «Sexuelle Ausbeutung durch soziale und pädagogische Fachkräfte», «Sexuelle Übergriffe von Kindern/Jugendlichen an Kindern/Jugendlichen». Diese Inhalte wurden von der Fachwelt und auch von den Betroffenen selbst sehr geschätzt.

Die Vernetzungsarbeit mit spezialisierten Psychotherapeut(inne)n, Anwält(inne)n und mit anderen Fachstellen im Opferhilfebereich und in der Kinder- und Jugendhilfe blieb in diesen zehn Jahren für CASTAGNA sehr wichtig.

Das Thema «Sexuelle Ausbeutung von Kindern, Jugendlichen und in der Kindheit betroffenen Frauen» war eine Herausforderung, die von den Gründerinnen mutig aufgegriffen wurde und bei der die Beraterinnen der ersten 10 Jahre – aus meiner Sicht – viel Engagement und Fachlichkeit in den Aufbau und die Entwicklung der Beratungsstelle CASTAGNA investiert haben. Der Boden war gut bestellt, sodass die neue und nächste Generation von Fachfrauen die Beratungsstelle CASTAGNA in die Zukunft  führen und weiterentwickeln konnte.
CASTAGNA-Team

Die zweiten 10 Jahre


Vor rund zehn Jahren haben wir von unseren Vorgängerinnen ein gutes Schiff übernehmen können und sind damit weitergesegelt. Die CASTAGNA-Frauen der ersten Stunde hatten Vertrauen in uns, sie führten uns in die Arbeit ein und gingen dann von Bord. Dieser klare Übergang hat uns den Einstieg in unsere Arbeit sehr erleichtert.

Sexuelle Ausbeutung ist ein komplexes Thema und, dass CASTAGNA darin seit jeher eine Vorreiterrolle hatte, gefiel uns und war einer der Gründe, weshalb wir hier zu arbeiten begonnen hatten. Die Vorreiterrolle war und ist gleichzeitig aber auch sehr anspruchsvoll: Wir mussten beharrlich am Thema dranbleiben und laufend Haltungen weiterentwickeln respektive ganz neu generieren.

Die letzten zehn CASTAGNA-Jahre waren von stetem Aus- und Aufbau geprägt. Zum einen betraf dies den fachlichen Background von uns Beraterinnen. Da immer mehr Klient(inn)en mit sehr schweren Traumafolgestörungen bei uns erschienen, wurden eine Therapieausbildung und eine Weiterbildung in traumatherapeutischen Kompetenzen für alle Beraterinnen unerlässlich. Zum anderen trieben wir die Vernetzung mit anderen Stellen, mit Fachpersonen aus verschiedensten Bereichen voran, was den fachlichen Austausch und die gegenseitige Unterstützung sehr förderte. Dieses fein geknüpfte Netzwerk ist heute eine unserer wichtigsten Ressourcen.

Daneben entwickelten wir bewährte Projekte weiter, erwähnt seien hier als Beispiel die Offenlegungsgespräche. Ausgebaut haben wir auch das von uns angebotene Weiterbildungsprogramm: Wir zogen externe Fachreferent(inn)en bei, nahmen immer wieder neue, aktuelle Themen auf und konnten damit die bereits von unseren Vorgängerinnen gepflegte Weiterbildungskultur erfolgreich weiterführen. Nicht zuletzt intensivierten wir unsere Öffentlichkeitsarbeit. CASTAGNA ist heute schweizweit in breiten Kreisen bekannt; wir werden von den Medien regelmässig für Stellungnahmen zu aktuellen Fällen von sexueller Ausbeutung angefragt. Dass wir den Jahresbericht zu einem viel beachteten Themenheft weiterentwickelten, hat sicher ebenfalls zum Wachsen unseres Bekanntheitsgrads beigetragen.

In den vergangenen Jahren gab es bei CASTAGNA aber stets auch viele Wechsel. Neue Mitarbeiterinnen kamen und verliessen uns wieder, weil sie das Thema der sexuellen Ausbeutung als zu belastend erlebten oder weil es im Team nicht stimmte. Wir drei – Nadia Beier, Marie-Louise Pfister und Regula Schwager – bildeten personell lange Zeit die einzige Konstante. Dass es, bedingt durch die personellen Wechsel, immer wieder vorübergehend Stellenvakanzen gab, führte zu einer hohen Arbeitsbelastung. Wir haben in den letzten Jahren wirklich sehr viel gearbeitet!

Für die sich immer weiterentwickelnde Beratungsstelle CASTAGNA die richtige Organisationsform zu finden, war ein langer Prozess. Es gab Stolpersteine, Um- und Irrwege, die zum Teil schmerzhaft waren. Wir machten Fehler und lernten aus ihnen. Aber mit dem Übergang von der Team- zur Co-Leitung, begleitet durch eine Organisationsentwicklung und später durch ein Leitungscoaching, sowie der Trennung des Vereins in einen Förder- und in einen Beratungsverein verfügen wir nun über ein Modell, das zu unserer Berufsgruppe, zur Grösse unserer Stelle und zum Thema unserer Arbeit passt.

Unterdessen sind wir ein vollständiges, stabiles Team mit einer guten Stimmung und viel Teamgeist. Das verdanken wir nicht zuletzt auch unseren Vorgängerinnen. Sie wiesen uns seinerzeit darauf hin, wie wichtig es sei, die eigene Psychohygiene zu pflegen, und schon bald realisierten wir, wie sehr sie recht hatten. Das Befinden der Mitarbeiterinnen ist bei CASTAGNA wichtig, nur so können wir mit den schwierigen Themen, um die es bei uns geht, einen angemessenen Umgang pflegen. Wir achten zudem darauf, die Räume der Beratungsstelle schön und praktisch einzurichten, denn das Arbeitsumfeld muss stimmen. Wir feiern Feste und führen Veranstaltungen durch, deren positive Energie uns nachher durch den Alltag begleitet: Benefizkonzerte, Theateraufführungen für Schulklassen, Podiumsdiskussionen und anderes mehr. Und, ganz wichtig: Der Humor und das Lachen sind uns in all den Jahren nie abhandengekommen. Ein guter Boden, um anstehende Probleme zuversichtlich und kreativ angehen zu können.

Zwanzig Jahre CASTAGNA – ein Jubiläum, auf das wir stolz sind. Dass das Schiff, das wir vor zehn Jahren von unseren Vorgängerinnen übernommen haben, auf Kurs ist, dass wir keck die Nase in den Wind halten, wäre nicht möglich ohne die Unterstützung und das Wohlwollen unzähliger Personen. Wir denken hier an die vielen guten Formen der Zusammenarbeit mit anderen Fachleuten, wir denken an unsere Vereinsmitglieder, die mit ihren Beiträgen aktiv ihre Solidarität zeigen, wir denken an die Klient(inn)en, die uns mit positiven Rückmeldungen neuen Elan schenken – ganz einfach an alle, die CASTAGNA ideell und finanziell all die Jahre über mitgetragen haben und dies weiterhin tun. Danke!
CASTAGNA-Team

Die Neuen


Zwanzig Jahre nach der Gründung der Stelle hat sich die dritte Generation von Beraterinnen bei CASTAGNA eingearbeitet. Wie haben die drei «Neuen» den Einstieg erlebt? Hier ihr Erfahrungsbericht.

Als Afra Berg im September 2008 zum Team von CASTAGNA stiess, befand sich dieses in einer Übergangssituation. Das bisherige Modell der basisdemokratischen Teamleitung sollte abgelöst werden durch eine zweiköpfige Co-Leitung. Wer neu zum Team stiess, wurde deshalb nicht mehr automatisch Teil der Teamleitung, während die bisherigen Mitarbeiterinnen ihre Leitungsfunktion vorläufig noch behielten. In der Folge arbeitete Afra Berg über ein Jahr lang als Beraterin mit drei Stellenleiterinnen, was eine etwas ungewöhnliche Situation war. Zudem war das Team personell unterbesetzt.
Per Januar 2010 wurde dann die Co-Leitung installiert. Weil im gleichen Zeitraum Isabelle Zolliker und Andrea Schulze ihre Arbeit aufnahmen, sind wir zu unser aller Freude seither wieder ein vollzähliges und interdisziplinär zusammengesetztes Beratungsteam. Da unsere administrative Mitarbeiterin Sandra Müller uns infolge Mutterschaft verliess, stiess im August 2010 neu Ruth Verhofnik zum Team. Insgesamt stehen nun also vier «Neue» zwei «Bisherigen» gegenüber (nach dem Weggang von Marie-Louise Pfister sind das die beiden Co-Leiterinnen Nadia Beier und Regula Schwager), was eine neue Teamdynamik zur Folge hat. Zusammen mit den regelmässigen Weiterbildungen trägt diese Dynamik dazu bei, dass sich CASTAGNA laufend weiterentwickelt.

Die Co-Leiterinnen nahmen sich viel Zeit für eine sorgfältige, umfassende Einarbeitung von uns neuen Beraterinnen. Wir sind zudem verpflichtet, uns laufend aus- bzw. weiterzubilden, insbesondere im Bereich traumazentrierte Therapie und Beratung. Obligatorisch ist auch der Besuch des Fachkurses Opferhilfe an der Hochschule Bern. Gleich von Anfang an wurden wir zudem in die Produktion der jährlich erscheinenden Themenhefte einbezogen. Für uns neue Mitarbeiterinnen war es sehr speziell, auch das Jubiläum von CASTAGNA mitgestalten zu dürfen, einer Organisation, die vor zwanzig Jahren von Pionierinnen aus der Frauenbewegung gegründet worden ist.
Gewöhnungsbedürftig war zu Beginn vor allem die enge Zusammenarbeit in geteilten Büroräumlichkeiten. Umso mehr schätzen wir es, dass für die Beratungen separate Zimmer zur Verfügung stehen. Was uns von Anfang an besonders gefallen hat, ist die klare und einheitliche Haltung, die von CASTAGNA vertreten wird. Diese Haltung hat sich CASTAGNA über Jahre hinweg erarbeitet.
Sie ist auch für uns «Neue» sehr gut nachvollziehbar; es fällt uns leicht, sie ebenfalls zu vertreten. Gerade auch als neue Mitarbeiterinnen realisierten wir schon bald: Das Thema «sexuelle Ausbeutung von Kindern und Jugendlichen» ist grundsätzlich belastend. Von unseren Klientinnen erhalten wir aber immer wieder viel Wertschätzung für unsere Beratungsarbeit. Die Übergriffe, die sie erlebt haben, lassen sich nicht rückgängig machen. Bei CASTAGNA erfahren die Klientinnen aber, welche Möglichkeiten der Aufarbeitung und des Handelns ihnen zur Verfügung stehen. Im besten Fall können sie aus ihrer Ohnmacht heraustreten und ihre Handlungsfähigkeit zurückerlangen.

Als sorgfältig eingearbeitete neue Beraterinnen profitieren wir von unserem zunehmenden spezifischen Fachwissen in den Bereichen «sexualisierte Gewalt an Kindern/Jugendlichen» und «Trauma». Indem wir in unserer Arbeit immer sicherer werden, verringert sich für uns ein Stück weit die mit ihr verbundene Belastung. Wertvoll für unsere Psychohygiene sind ausserdem die gute Zusammenarbeit und der Humor im Team. Wir schätzen beides sehr und erachten es als eine wichtige Voraussetzung, um unsere Arbeit längerfristig professionell und gesund ausüben zu können.