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Sexuelle Übergriffe unter Geschwistern 

 

Sexuelle Übergriffe unter Geschwistern:
Familiäre Hintergründe, Sexualität und Doktorspiele
von Marie-Louise Pfister

Die Situation
Zur Beratungsstelle CASTAGNA kommen immer wieder Kinder und Jugendliche, die zum Teil über Jahre hinweg sexuelle Übergriffe durch ein Geschwister erlebt haben. Nicht selten suchen uns auch erwachsene Frauen auf, weil sie in ihrer Kindheit oder der Jugendzeit von einem oder mehreren Brüdern sexuell ausgebeutet wurden.
Geschwisterinzest ist die am wenigsten erforschte, aber wahrscheinlich die häufigste Form des Inzests, schreiben Adler und Schultz (1995). Familien, die davon betroffen sind, stehen emotional vor immensen Herausforderungen, denn das tätliche Kind ist ebenso ein Teil der Familie wie das Kind, auf das die Übergriffe verübt wurden.
Viele Eltern und Erziehungsverantwortliche sind verunsichert und fragen uns, was noch normales sexuelles Spiel unter Geschwistern ist und wo diese Grenzen zum Nachteil aller Beteiligten verletzt werden.
Diese Fragen zur normalen sexuellen Entwicklung von Kindern beleuchte ich auf den folgenden Seiten zuerst. Anschliessend setze ich mich den Hintergründen sexueller Übergriffe unter Geschwistern auseinander und beziehe mich dabei insbesondere auf die familiären Ursachen und die Situation von betroffenen Eltern und Kindern. In einem weiteren Text zu diesem Thema zeigt Regula Schwager mögliche Wege und Hilfen für Eltern, Kinder und Erwachsene auf. Im Zentrum beider Beiträge steht also die Not dieser Kinder und ihrer Eltern.

Geschwisterbeziehungen
Die eigenen Geschwister haben im Lebenskontext jedes Menschen eine besondere Bedeutung. Die Geschwisterbeziehung ist meist die am längsten währende, unaufkündbare und annähernd egalitäre menschliche Beziehung (Schneewind 1995, S. 160). Anders als ihren Eltern oder anderen Erwachsenen begegnen sich Geschwister auf der gleichen Ebene. Die geschwisterliche Grunderfahrung lautet: Wir unterscheiden uns voneinander, und wir fühlen uns einander verbunde> (Sohni 2004, S. 23).
Die Bindung an die Geschwister spielt damit eine nicht zu unterschätzende Rolle für die frühe Persönlichkeitsentwicklung. Neben den leiblichen Geschwistern werden dazu auch Halbgeschwister, Stiefgeschwister, Pflegegeschwister, Geschwister aus Patchwork-Familien und Adoptivgeschwister gerechnet; sie alle haben einen erheblichen Einfluss auf die innerfamiliären Bindungsbeziehungen und die Persönlichkeitsentwicklung (vgl. Bank & Kahn 1989, S. 31). Geschwister wachsen meist in der gleichen Familie auf und teilen somit von Anfang an ihre Lebensgeschichte. Geschwisterbeziehungen sind nicht statisch, sondern können sich mit der Entwicklung der Kinder und Jugendlichen bzw. mit ihren Entwicklungsaufgaben nach und nach verändern. Geschwister können sich gegenseitig unterstützen oder behindern. Sie können voneinander lernen und einander bei der Individualentwicklung zur Eigenständigkeit eine Hilfe sein. Sie können sich aber auch gegenseitig gefährden.
Die Eltern wiederum prägen die Beziehungen ihrer Kinder untereinander wesentlich mit. Elterliche Ressourcen begünstigen die Geschwisterbeziehung, durch elterliche Defizite kann sie aber auch stark behindert werden.

Die sexuelle Entwicklung von Kindern
Die Entwicklung der Sexualität ist ein lebenslanger, individueller und geschlechtsspezifischer Prozess. Mehrere Faktoren unterstützen Kinder normalerweise dabei:

  • die positive Körpererfahrung mit Stillung der Bedürfnisse
  • die körperliche Zuwendung, Zärtlichkeit und Wärme von anderen
  • die Bewertung von Körperfunktionen durch die Erwachsenen oder durch ein Vorbild sowie die Beobachtung von anderen Beziehungen und den Formen, wie Sexualität in der sozialen Umwelt zum Ausdruck gebracht wird.
Kindliches Sexualverhalten kann autoerotisch oder in der Interaktion mit anderen erlebt werden. Kinder verfügen unbestritten über ein angeborenes sexuelles Potential (z.B. Erektionen, Orgasmen). Körperteile, Handlungen und Situationen haben für Kinder aber zunächst keine sexuelle Bedeutung (Schuhrke 2002, S. 549).Mit etwa fünf bis sechs Monaten ist die Motorik so weit entwickelt, dass Kinder ihre Geschlechtsteile berühren können. Noch handelt es sich beim Anfassen in erster Linie um Körperuntersuchungen. Die Kinder verschaffen sich dabei auch angenehme Gefühle. Nachdem die Kinder ihren eigenen Körper erkundet haben, sind sie gegen Ende des ersten Lebensjahres auch an den Geschlechtsorganen ihrer Eltern interessiert. Mit sexuellem Interesse an den Eltern hat diese Neugier nichts zu tun. Sie dient in erster Linie dem Vergleich. Vor allem das männliche Genital interessiert die Kinder, egal ob Junge oder Mädchen. Zwischen dem dritten und dem fünften Lebensjahr entstehen Freundschaften unter Kindern. In dieser Zeit beginnen viele Kinder mit Doktorspielen. Sie wollen auf Entdeckungsreisen gehen - in Bezug auf den eigenen Körper und auf den Körper von andern Kindern. Doktorspiele gehören zur normalen sexuellen Entwicklung von Kindern.


Eine Reihe von Studien belegen, dass Kinder bei Spielen die Genitalien vor allem zeigen, betrachten oder berühren. (Schuhrke 2002, S. 551).
Bei Doktorspielen stehen die Neugier und das Interesse im Vordergrund. Doktorspiele basieren daher auf der Freiwilligkeit aller beteiligten Kinder; sie können jederzeit aufhören. Es gibt kein Machtgefälle zwischen den Kindern, die Handlungen sind altersadäquat, und es werden keine Gegenstände in die Geschlechtsöffnungen gesteckt.
Unter Umständen kann jedoch auch bei Kindern, die sexuelle Handlungen aneinander in gegenseitigem Einvernehmen vornehmen, dies aber ständig wiederholen, etwas dahinter sein, was sie beschäftigt oder gar beunruhigt.
Ab der dritten Klasse etwa befinden sich die Kinder auf dem Weg in die Pubertät. Sie haben inzwischen gelernt, soziale Verhaltensregeln einzuhalten. Die körperliche Scham, die sie jetzt verstärkt empfinden, führt dazu, dass sie die Sexualität nicht mehr öffentlich ausleben. Mit etwa acht oder neun Jahren entwickeln Kinder erotische und sexuelle Gefühle, die auf eine andere Person ausgerichtet sind. Sie wissen auch, dass Sexualität zum Erwachsensein gehört und dass sie sich langsam dorthin entwickeln.

Geschwisterinzest - begünstigende Faktoren
Gibt es Familienstrukturen, die die Entstehung von Geschwisterinzest begünstigen? Dieser wichtigen Frage widmet sich eine Studie von Romer und Walter (2002), die folgende familiendynamisch relevante Faktoren zutage brachte:

a) sexualisierte Atmosphäre
b) unklare Generationen- und Geschlechtergrenzen

c) wechselnde intime Aussenbeziehungen der Eltern

d) chaotische Familienstruktur

e) unzureichende emotionale Beziehungen

f) transgenerationale Dynamik


Im Folgenden gehe ich ausführlicher auf die Bedeutung der einzelnen Punkte ein.

a) Sexualisierte Atmosphäre
Die familiäre Atmosphäre ist insgesamt sexualisiert. Dazu gehören z.B. eine sexualisierte Sprache, ein leichter Zugang für die Kinder zu pornografischem Material, das Miterleben von sexuellen Handlungen zwischen den Eltern.

b) Unklare Generationen- und Geschlechtergrenzen
Im Laufe ihrer Entwicklung müssen Kinder lernen, ihre eigenen Grenzen wahrzunehmen und zu verteidigen sowie die Grenzen von anderen zu respektieren. Dieser Prozess wird massiv beeinträchtigt, wenn die hierarchischen Beziehungen zwischen Eltern und Kindern nicht deutlich werden oder wenn die Signale für angemessene Geschlechtergrenzen diffus und verwischt sind. Solche unklaren Grenzen können verhindern, dass Kinder einen Sinn für eine eigene geschützte Identität entwickeln.

c) Wechselnde intime Aussenbeziehungen der Eltern
Wenn Eltern oder ein Elternteil wechselnde Intimbeziehungen unterhalten, können Kinder zu Mitwissern von sexuellen Geheimnissen der Erwachsenen werden. Als Folge davon sind Kinder gezwungen, auf der emotionalen Ebene nach Auswegen zu suchen, um die Belastung aushalten zu können.

d) Chaotische Familienstruktur
In Familien, in denen Geschwisterinzest stattfand, wurden die Kinder häufiger sich selbst überlassen, weil die Eltern aus gesundheitlichen, beruflichen oder anderen Gründen oft abwesend waren. Die elterliche Kontrolle und Aufsicht war also unzureichend. Von Geschwisterinzest Betroffene berichteten vielfach, dass sie in einer Familie gross geworden seien, in denen es nur wenig Kommunikation gab.

e) Unzureichende emotionale Beziehungen
In Familien, in denen Geschwisterinzest auftrat, waren die Eltern oder wichtige Bezugspersonen für die Kinder emotional oder körperlich häufig nicht wirklich erreichbar. Sind emotionale Reaktionen der Eltern für die Kinder nicht oder kaum vorhersagbar, erschwert dies die Aufrechterhaltung emotionaler Beziehungen zusätzlich. Später komme ich auf diesen Punkt zurück.

f) Transgenerationale Dynamik
Nicht selten entsteht in einer Familie eine Dynamik mit inzestuösen Beziehungen, die sich über mehrere Generationen erstrecken können. Dieser Umstand kann wiederum die Wahrnehmung der Eltern für sexuelle Grenzverletzungen an ihren Kindern beeinträchtigen. Eine solche Reaktion kann mithin als Abwehr verstanden werden, die dazu dient, die eigene Geschichte nicht an die Oberfläche zu lassen. So kann eine schwierige Lebenserfahrung im Hintergrund bleiben. Auf diese Weise schützt sich die Psyche gegen alte, unverarbeitete Verletzungen.

Bindung und Geschwisterinzest
Für die menschliche Entwicklung sind emotionale Bindungen unentbehrlich. Von Geburt an haben Menschen die Tendenz, sich an eine schützende Person zu binden (vgl. Bowlby 1975), und in der Regel wird diese Bindung mit der Mutter eingegangen. Bindung kann als emotionales Band verstanden werden, welches in verschiedenen Handlungen und Reaktionen zwischen dem Kind und der vertrauten Bezugsperson zum Ausdruck kommt. Bei der Entwicklung von Fremd- und Selbstregulation, bei der Kontrolle von Affekten und Impulsen und bei der Steuerung von Aufmerksamkeit und Verhalten spielten die Bindungserfahrung und das daraus resultierende Bindungsmuster eine wichtige Rolle (Bott & Saller 2005).
In jede Familie bringen beide Eltern ihre individuell geprägten Vorstellungen über das <<richtige>> Familienleben und den Paaralltag ein. Zudem bringt jeder Elternteil seine Bindungserfahrungen und -muster mit. Diese prägen wiederum die Interaktionen mit den eigenen Kindern. Biografische Erfahrungen der Eltern können unter Umständen das Beziehungs- und Familienklima so sehr beeinflussen, dass Kinder untereinander mit sexuellen Handlungen beginnen, um emotional zu überleben.
Für Kinder, die von Geschwisterinzest betroffen sind, sind die Eltern oder andere nahe Bezugspersonen emotional häufig kaum oder gar nicht erreichbar.
Die Bindung zwischen Geschwistern intensiviert sich im selben Mass, in dem andere emotional befriedigende Beziehungen, insbesondere zu den Eltern, fehlen, betonen jedoch Bank und Kahn (1989). Einen Mangel an Bindungserfahrungen beantworten manche Kinder dementsprechend mit sexuellen Handlungen. Geschwisterinzest kann also für Kinder zu einer Überlebensstrategie werden, um (frühkindliche) Bindungsstörungen zu kompensieren. Die Ausweglosigkeit einer solchen Situation besteht darin, dass ein Geschwister die einzige Person ist, die für eine Bindungserfahrung überhaupt zur Verfügung steht. Zudem können sexuelle Erfahrungen mit Geschwistern in einen deprimierenden, interaktionsarmen Kinderalltag Spannung und Lebendigkeit bringen. An die Stelle der gesuchten emotionalen Bindung tritt dabei Sexualität. Da Kinder aber über Bindungen lernen, wer sie sind, wird ihnen auf diese Weise implizit die Botschaft vermittelt: Du existierst nur über Sexualität. Eine andere Berechtigung gibt es nicht.
Es besteht die Gefahr, dass Geschwister, die aneinander sexuelle Handlungen vornehmen, sich gegenseitig in ihrer Entwicklung hemmen. Ihre Sichtweise beruht auf der Erfahrung: Ich brauche nicht in die Welt hinauszugehen, wenn wir uns gegenseitig genügen, und ich kann nicht hinausgehen, weil ich dann nicht mehr vollständig bin. In dieser Feststellung kommt die starke gegenseitige Abhängigkeit zum Ausdruck. Ein Kind bzw. das Geschwisterpaar ist für niemand anderen erreichbar, weil beide sich selbst genügen - und dies zu dem Zeitpunkt in ihrer Entwicklung, zu dem sexuelle Aktivitäten sich nach aussen richten sollten.

Familiendynamik bei Geschwisterinzest
Aus Angst und gegenseitiger Abhängigkeit bleiben die sexuellen Handlungen unter Geschwistern oft jahrelang ein Geheimnis. Dies gibt den Geschwistern eine enorme Macht. In den Worten von Bank und Kahn (1989): Sie haben ein Bündnis geschlossen, das die Eltern nicht durchdringen können (S. 159).
Und Pincus und Dare (1978) sagen dazu: Die Sexualisierung einer Geschwisterbeziehung treibt die Beziehung in den Untergrund, ausser Sichtweite der Eltern und der anderen Geschwister, in eine Art geschwisterliche Unterwelt. Das Geheimnis bekommt zusätzliche Intensität und Bedeutung, weil die meisten Erwachsenen schon offenes Zeigen sexueller Gefühle zwischen Kindern nicht akzeptieren können, geschweige denn sexuelles Verhalten, auch wenn mittlerweile widerwillig zugegeben wird, dass es so etwas gibt (S. 146).

Eine oft gestellte Frage in diesem Zusammenhang lautet: Wie findet Sexualität überhaupt Eingang in eine Geschwisterbeziehung? Die folgenden Überlegungen sind ein Versuch, darauf zu antworten:

Es kann sein, dass ein Kind selbst sexuelle Übergriffe von einem Erwachsenen oder einen älteren Jugendlichen erlebt.
Es kann sein, dass das Kind in einer sexualisierten Atmosphäre aufwächst (s.o.).
Es kann sein, dass sexuelle Handlungen für das Kind ein Ventil sind, um seine innere Not, seine Angst, seine Einsamkeit oder seine Aggression auszudrücken.

Unsere Erfahrung zeigt, dass der zuletztgenannte Punkt häufig im Vordergrund steht. Auch Kinder, die selbst nicht von den sexuellen Handlungen ihrer Geschwister betroffen sind, nehmen die inzestuöse Beziehung häufig wahr und leiden darunter (s. dazu CASTAGNA-Jahresbericht 2004).

Wenn es den Eltern gelingt, die Not der Kinder zu erkennen und zu verstehen, was sie zu inzestuösem Verhalten getrieben hat, haben sie die Möglichkeit, für ihre Kinder, für die Familie und als Paar einen Weg zu finden, der aus dieser Sackgasse hinausführt.



Literaturhinweise
Adler N.A. und Schutz J. (1995), Sibling incest offenders. Child Abuse and Neglect, 19(7), S. 811-819.
Arens U. (2003), Offenheit und Scham in der Familie. Wie Eltern und Kinder unbefangen miteinander umgehen, München, Ariston.
Bank S.P. und Kahn M.D. (1989), Geschwister-Bindung, Paderborn, Junfermann.
Bott H. und Saller H. (2005), Geschwisterinzest, unveröff. Manuskript zur Weiterbildung.
Bowlby J. (1975), Bindung. Eine Analyse der Mutter-Kind-Beziehung, München, Kindler.
Pincus L. und Dare C. (1978), Geheimnisse in der Familie, Stuttgart, Deutsche Verlagsanstalt.
Romer G und Walter J. (2002), Geschwisterinzest im Kindes- und Jugendalter, In: D. Bange & W. Körner (Hrsg.), Handwörterbuch Sexueller Missbrauch, S. 154-161, Göttingen, Hogrefe.
Schneewind K.A. (1995), Familienentwicklung. In: R. Oerter und L. Montada (Hrsg.), Entwicklungspsychologie, S. 128-166, Weinheim, Psychologie Verlags Union.
Schuhrke B. (2003), Sexuelle Entwicklung von Kindern bis zur Pubertät. In: D. Bange und W. Körner (Hrsg.) (2002), Handwörterbuch Sexueller Missbrauch, S. 548-554, Göttingen, Hogrefe.
Sohni H. (2004), Geschwisterbeziehungen in Familien, Gruppen und in der Familientherapie, Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht.


Sexuelle Übergriffe unter Geschwistern:
Was sind die Folgen und wie kann geholfen werden?
von Regula Schwager

Begriffsklärung
Von sexueller Ausbeutung spricht man bei sexuellen Handlungen, die durch eine bestimmte Menge von charakteristischen Merkmalen gekennzeichnet sind.
Das wichtigste dieser Merkmale ist ein ungleiches Machtverhältnis zwischen den beiden an einer sexuellen Handlung beteiligten Personen. Unter Kindern und/oder Jugendlichen kann es aus diversen Gründen zu solch einem Machtgefälle kommen: durch Altersunterschiede, einen unterschiedlichen Entwicklungsstand (körperlich, emotional und intellektuell) oder auch durch unterschiedliche Positionen innerhalb eines wichtigen Bezugssystems wie zum Beispiel der Familie oder der Schulklasse.
Während sexuelle Übergriffe auf Kinder durch Erwachsene fast ausschliesslich innerhalb eines Vertrauens- und/oder Abhängigkeitsverhältnisses geschehen und oft mit der Pflicht zur Geheimhaltung verbunden sind, ermöglicht die strukturelle Gleichberechtigung innerhalb der Geschwisterbeziehung auch grundsätzlich einvernehmliche sexuelle Handlungen zwischen Geschwistern.
Insbesondere sind experimentelle sexuelle Annäherungen zwischen Geschwistern im Rahmen von Doktorspielen weit verbreitet. Doktorspiele sind entwicklungsgerechte, lustvolle und vergnügliche sexuelle Handlungen unter Kindern, die beide Beteiligten absolut freiwillig vornehmen. Sämtliche (z.B. durch Drohungen) erzwungenen sexuellen Handlungen unter Kindern und/oder Jugendlichen sind dementsprechend keineswegs Doktorspiele! Damit etwas als Doktorspiel gilt, darf zwischen den beteiligten Kindern kein oder nur ein geringer Altersunterschied und weder ein Machtgefälle noch eine andere Art von Abhängigkeit bestehen.
Als Geschwisterinzest werden daher lediglich sexuelle Handlungen bezeichnet, die über Doktorspiele hinausgehen. Geschwisterinzest tritt meist in einer der folgenden drei Formen auf:

  1. als sexueller Übergriff von sehr jungen Kindern im vorpubertären Alter auf gleichaltrige oder jüngere Geschwister.
  2. als fürsorglich-liebevoller Inzest, der oft einvernehmlich beginnt und geprägt ist von gegenseitiger Loyalität und von körperlicher Neugier und Lust. In einer emotional defizitären familiären Umwelt wird diese Form des Inzests von den Geschwistern oft als Insel liebevoller Zuwendung erlebt. In der Fallbeschreibung von <<Petra>> (S. xx) finden Sie ein typisches Beispiel dafür. Oft wandelt sich diese Inzestform mit der Zeit zu einer eindeutigen sexuellen Ausbeutung.
  3. als machtorientierter Inzest im Sinne von Bank und Kahn (1982) mit sadistischen und ausbeuterischen Zügen.
Dabei handelt es sich mithin um eine Form von sexueller Gewalt, wobei diese besondere Form des sexuellen Übergriffs ausschliesslich bei Geschwisterpaaren anzutreffen ist, bei denen der Bruder im Pubertätsalter und zugleich älter als die Schwester ist.
Alle drei Formen sexueller Übergriffe sind selbstverständlich machtorientiert, d.h., es liegt jeweils ein Machtgefälle zwischen den beteiligten Geschwistern vor.
Zur Abgrenzung von sexueller Gewalt zwischen Geschwistern von einvernehmlicher Sexualität zwischen ihnen gibt es objektive Kriterien. Wir folgen De Jong (1989: zit. nach Romer & Walter 2002:155), der schreibt: <<Von einem sexuellen Angriff ist zweifelsfrei auszugehen, wenn Gewalt, Zwang oder Bedrohung angewendet wurde, wenn eine Penetration versucht wurde, oder wenn irgendeine Form von Verletzung des Opfers dokumentiert ist.>> Ab einem Altersunterschied von fünf Jahren muss seines Erachtens auch ohne Drohungen und ohne Gewaltanwendung immer von einer sexuellen Aggression ausgegangen werden, weil bei einem derartigen Macht- und Entwicklungsgefälle seitens des jüngeren Kindes kein Einvernehmen für sexuelle Handlungen mehr hergestellt werden kann.
Obwohl wir De Jong grundsätzlich folgen, ist der Altersunterschied von fünf Jahren unserer Erfahrung nach viel zu hoch gegriffen. Bei der rasanten Entwicklung im Kindesalter können - gerade bei jüngeren Kindern - schon ein oder zwei Jahre Altersunterschied eine entscheidende Rolle spielen. Kinder mit einem Altersunterschied von wenigen Jahren sind entwicklungsmässig oft sehr deutlich auf einem anderen Entwicklungsstand, ja, selbst gleichaltrige Kinder können in ihrem Entwicklungsstand manchmal erhebliche Unterschiede aufweisen. Ausserdem unterscheiden sich natürlich die dem Alter bzw. der Entwicklung entsprechenden sexuellen Handlungen in ihrer Ausprägung individuell.
Somit gilt es bei Kindern zu bedenken, dass ein Machtgefälle - als wesentliche Voraussetzung für die Bewertung eines sexuellen Verhaltens als sexuelle Ausbeutung - schon früh, d.h. bei einem geringen Altersunterschied zwischen den Beteiligten, gegeben sein kann.

Wie häufig kommt es zu sexueller Ausbeutung unter Geschwistern?
Für die Schweiz ist die Antwort auf diese Frage nicht klar, weil darüber erst wenig bekannt ist. In einer amerikanischen Studie unter Studenten (vgl. Finkelhor 1980) gaben jedoch 15% der Frauen und 10% der Männer an, sexuelle Erfahrungen mit ihren Geschwistern gemacht zu haben.

Wie ist das Geschlechterverhältnis zwischen Opfern und Tätern?
Die Auswertung einer Fallsammlung zu 14 Familien, in denen ein missbräuchlicher Geschwisterinzest aufgedeckt worden war (vgl. Gilbert 1992), ergab die folgenden Verhältnisse: 13 der 16 Opfer zwischen 2 und 10 Jahren, also 81% der Opfer, waren Mädchen, und 14 der 15 Täter zwischen 13 und 17 Jahren, also 93% aller Täter, waren Jungen. Diese Zahlen sind ein ernüchternder Hinweis darauf, dass sich bei Kindern wiederholt, was von Erwachsenen bekannt ist: männliche Täter - weibliche Opfer.
Viele Befragungen bestätigen des Weiteren die bereits angesprochene Altersdifferenz zwischen den Geschwistern - das charakteristische Merkmal für ein Machtgefälle das in der inzestuösen Geschwisterbeziehung missbraucht wird (vgl. Bange & Körner 2002).


Das Erleben der Kinder
Wie im vorausgehenden Artikel von Marie-Louise Pfister erwähnt, kommt es in Familien, in denen die Eltern für die Kinder nicht erreichbar sind, eher zu Geschwisterinzest. Womöglich sind die Eltern oder ist ein Elternteil überfordert von eigenen, unlösbaren Lebensproblemen, womöglich erlitten sie selbst Traumatisierungen oder Krankheiten, erlebten Zerrüttung in der Paarbeziehung etc.
In solchen Familien sind die Kinder oft gezwungen, Funktionen zu übernehmen, die nicht kindgerecht sind. So mussten tätliche Geschwister beispielsweise in vielen Fällen die Elternrolle gegenüber ihren kleineren Geschwistern übernehmen.
Wir treffen auch immer wieder auf Fälle, in denen die innerfamiliären Bindungen intakt, die Eltern für die Kinder erreichbar sind. Und dennoch geschehen sexuelle Übergriffe von einem Kind auf das andere. In diesen Fällen weisen viele der tätlichen Kinder psychische Auffälligkeiten auf ,und bei einigen besteht ein starker Verdacht, dass sie selber Opfer von (sexuellen) Grenzverletzungen geworden sind.
Betroffene Kinder fühlen sich sehr allein und isoliert. Oft sind ihre nächsten Angehörigen überfordert oder allzu fokussiert auf eigene Belange, um darüber den Kindern noch gerecht werden zu können. Die Kinder werden also tatsächlich allein gelassen; ihre Not wird nicht erkannt.
In aller Regel geben sexuell ausgebeutete Kinder ihr Geheimnis auch nicht preis. Zu gross ist ihre Bindung an das tätliche Geschwister, zu gross ihre Loyalität und zu gross ihre Angst, mit dieser Mitteilung ihre Lebenswelt bzw. ihre Familie zu zerstören. Wenn ein Kind doch einmal ein Zeichen gibt, werden diese Zeichen oft nicht als das erkannt, was sie eigentlich sind. Denn nur ganz wenige Kinder können ihre innere Not mit einer direkten und klaren Aussage ausdrücken. In belasteten Familien werden die Zeichen und die mehr oder weniger verborgenen Hilferufe von den Angehörigen meist nicht wahrgenommen und wenn doch, dann tendenziell verdrängt. Denn die Tatsache der sexuellen Gewalt innerhalb der Familie anzuerkennen bärge die Gefahr, das (möglicherweise) ohnehin wacklige Familiensystem ganz zu zerstören.

Betroffene Kinder sind oft voller Schuldgefühle, Scham und Verzweiflung. Sie sind belastet durch das Schweigegebot und haben Angst vor neuen Übergriffen. Diese Kinder fühlen sich enorm unsicher und befinden sich ständig in einem alarmierten Zustand. Sie sind durcheinander, verstehen nicht, was mit ihnen geschieht, können ihre Gefühle nicht richtig einordnen.
In belasteten Familien bietet <<das mit dem Bruder>> dann oft die einzige Stabilität, die einzige Sicherheit, die einzige Quelle für Geborgenheit.
Auch die tätlichen Kinder fühlen sich unsicher. Wenn emotionale Armut statt Reichtum ihr Umfeld dominiert, sexualisieren manche Kinder ihre Gefühle. Einsamkeit, Angst und Aggression sind diejenigen Emotionen, die besonders häufig sexualisiert werden. Indem sie ihre emotionalen Bedürfnisse durch die Beschäftigung mit dem Körper ersetzen, füllen diese Kinder ihre innere Leere mit Sexualität. Sie versuchen, ihr Leid, ihre Not durch Sex zu lindern. Das ist das Entscheidende! Primär geht es beim tätlichen Kind um einen emotionalen Mangel und den Versuch, diesen Mangel auszugleichen. Das Kind reagiert somit ursprünglich auf seine Situation, um ein unbestimmtes, allgegenwärtiges Gefühlsdefizit auf eine selbst beeinflussbare Weise zu vermindern.

Oft haben Geschwister, unter denen es zu sexuellen Übergriffen gekommen ist, das Gefühl, ohne das andere Geschwister nicht mehr existieren zu können, ohne das andere Geschwister nicht mehr vollständig zu sein. Wie schrecklich auch immer die sexuelle Gewalt für das betroffene Kind (gewesen) sein mag, sie füllt <<immerhin>> die grosse innere Leere aus. <<Alleine bin ich verloren>>, fühlen viele der Opfer, so wie beispielsweise auch die 12-jährige A., die bei CASTAGNA Hilfe suchte und ihren 18-jährigen, seit Jahren schwer gewalttätigen Bruder trotz allem als den einzigen Menschen auf der Welt bezeichnete, der sie wirklich liebe.

Die Folgen
Das Erleben sexueller Ausbeutung durch ein Geschwister ist eine einschneidende Erfahrung, die viele Kinder in hohem Masse traumatisiert. Hierbei von einer Traumatisierung des Opfers zu sprechen ist sinnvoll, weil seine psychosexuelle Entwicklung ebenso wie die Selbstwertentwicklung durch diese Erfahrung nachhaltig erschüttert wird und weil des Weiteren beträchtliche Risiken für psychische Spätfolgen bestehen. Denn Opfer von Geschwisterinzest zeigen als Erwachsene viele der Symptome, die auch von Opfern von Ausbeutung durch erwachsene Bezugspersonen bekannt sind. Je grösser das Machtungleichgewicht unter den Geschwistern, desto mehr stehen die Folgen der sexuellen Ausbeutung im Vordergrund. Die eigentliche Gefahr bei sexuellen Handlungen unter Geschwistern besteht darin, dass die Individuation unter diesen Umständen gehemmt wird. Normalerweise fördert die Vertrautheit in einer intakten Geschwisterbeziehung die Entwicklung der Beziehungsfähigkeit. Dies ist ein wesentlicher Entwicklungsschritt im Rahmen der psychosexuellen Identitätsfindung und kann als wichtige Voraussetzung für das Eintreten in Liebesbeziehungen mit gleichaltrigen Partnern ausserhalb der Familie gelten.
Sexuelle Kontakte unter Geschwistern können diese Individuationsprozesse massiv stören, wenn nicht gar verhindern, ganz abgesehen davon, dass das Fehlen einer psychosexuell intakten elterlichen Paarbeziehung diese Identifikations- und Individuationsschritte zusätzlich erschweren kann. Die Entwicklung reifer sexueller Beziehungsfähigkeit wird so nachhaltig blockiert. Insbesondere vor der Pubertät sind inzestuöse Verwicklungen zwischen Geschwistern, auch wenn sie einvernehmlich erfolgen, besonders verwirrend für die sexuelle Identitätsentwicklung und haben nachweislich nachhaltige Auswirkungen (vgl. Bank & Kahn 1982). Das Selbstbild, das sich entwickelt, wird reduziert: Ich bin nichts ohne Bruder; ich existiere nur qua Sexualität. Bindung wird unter diesen Bedingungen nur mehr über Sexualität erlebt.
Wie Romer und Walter (2002) betonen, ist die Fähigkeit zur Gestaltung freundschaftlicher und intimer Zweierbeziehungen sowohl bei den betroffenen als auch bei den tätlichen Geschwistern deutlich eingeschränkt. Sexuelle Ausbeutung unter Geschwistern führt folglich zu ausgeprägten Entwicklungshemmungen. Nach Romer und Walter sind Frauen von den schädlichen Langzeitfolgen aufgrund von Bruder-Schwester-Inzest zudem deutlich stärker betroffen als Männer.
Das tiefgreifende Misstrauen gegenüber den eigentlichen Motiven des Bruders setzt sich bei ihnen als bleibendes Misstrauen gegenüber Männern fort und beeinträchtigt bei vielen Betroffenen die Fähigkeit zu erfüllten Liebesbeziehungen. Aus dem Gefühl heraus, sich benutzt und manipuliert haben zu lassen, resultiert ein extrem negatives Selbstkonzept mit stark beeinträchtigtem Selbstwertgefühl, das bis zum Selbsthass gehen kann. Fast alle Betroffenen empfinden ausgeprägte Schuldgefühle. Diese sind umso intensiver, je mehr sie sich gegen die sexuelle Ausbeutung durch das Geschwister wehren wollten, es aber nicht konnten. Diesen Umstand interpretieren die Opfer als Mitschuld, als Mitverantwortung an der erlebten sexuellen Gewalt, weil sie sich ohne ausreichende Gegenwehr - gemessen an deren Erfolglosigkeit - selber zum Opfer des sexuellen Angriffs gemacht haben sollen.

Ein Ausstieg aus einem Geschwisterinzest wird für das Opfer somit durch mehrere psychosoziale Faktoren erschwert. Sie alle können dazu beitragen, dass die Schuldgefühle des Opfers noch verstärkt werden:
  1. Die Macht des sexuellen Geheimnisses vor den Eltern, d.h. das Gefühl, die Eltern durch die heimliche Überschreitung eines Tabus <<an der Nase herumzuführen>>, hilft dem Kind, erlittene Ohnmachtsgefühle in der Beziehung zu seinen Eltern zu kompensieren.
  2. Der Inzest kann den entsetzlichen Verlassenheitsängsten entgegenwirken.
  3. In der erlebten sexuellen Ausbeutung spürt sich das Opfer selbst. Die Verschmelzung mit einem zuverlässigen anderen Menschen hilft, das durch Deprivation brüchige Selbstgefühl auszugleichen.
  4. Ein einvernehmlich begonnener Geschwisterinzest kann sich in einen machtorientierten Inzest umwandeln. In diesem wird das Opfer durch die latente oder auch offen ausgesprochene Drohung, das extrem schambesetzte, aber ursprünglich einvernehmliche Verhalten offen zu legen, gefügig gemacht bzw. gefügig gehalten.
Die Eltern übersehen, verleugnen und bagatellisieren das Inzestgeschehen häufig. Für die Verarbeitung der traumatischen Erlebnisse beim Opfer spielt dieses Verleugnen der sexuellen Gewalt unter den eigenen Kindern durch die Eltern selbst nach der Aufdeckung eine grosse Rolle. Es scheint geradezu typisch zu sein, dass Betroffene über einen längeren Zeitraum hinweg mehrere verzweifelte Anläufe nehmen müssen, bis sie von Erwachsenen wegen der laufenden Ausbeutung endlich Aufmerksamkeit erhalten.
Darin zeigt sich ein Phänomen, das von anderen Formen traumatisierender Erfahrungen bekannt ist: Es existiert eine doppelte Mauer des Schweigens. Die Betroffenen können sich aus Angst-, Scham- und Schuldgefühlen nicht äussern. Und ihre Umwelt ist erst recht taub auf diesem Ohr, d.h. kaum dafür bereit, entsprechenden Schilderungen zu folgen oder die Zeichen wahrzunehmen und in ihrer ganzen Bedeutung zu akzeptieren. Dies verstärkt die Isolation und die Einsamkeit des Opfers subjektiv ins Unermessliche.
Für die Frage, inwieweit ein sexueller Angriff auf das Selbst- und das Weltverständnis den betroffenen Menschen traumatisch erschüttert, ist das Wesen der Beziehung, in der dieser Angriff geschieht, bedeutsam. Hirsch (1999) geht davon aus, dass der Geschwisterinzest hinsichtlich seiner traumatischen Konsequenzen häufig folgenlos bleibt, es also nicht zu psychischen Folgeschäden kommt. Seine Einschätzung liegt darin begründet, dass der Geschwisterinzest von allen bekannten Inzestformen als der am wenigsten schwere Verstoss gegen das kulturelle Inzesttabu angesehen wird. Deshalb seien die zu erwartenden Schuldgefühle des Opfers, die bekanntlich wesentlich zu einer psychischen Problematik beitragen, weniger ausgeprägt als bei anderen Formen von Inzest. Dennoch müsse aber in Fällen, in denen Geschwisterinzest mit Gewalt erzwungen werde, von einer nachhaltigen Traumatisierung ausgegangen werden, so Hirsch.

Der Beratungsalltag bei CASTAGNA
Bei der Beratungsstelle CASTAGNA werden wir mit unterschiedlichen Formen von sexueller Ausbeutung unter Geschwistern konfrontiert. Zu nennen sind zum einen die immer wieder auftretenden Fälle von sexuellen Übergriffen vorpubertärer Jungen auf ihre meist kleinere Schwester oder auf den jüngeren Bruder. Zum anderen beraten wir sehr häufigen Fällen mit machtorientiert-sadistischen Inzestformen mit grossen Altersunterschieden zwischen Opfern und Tätern, mit massiver verbaler Abwertung der kleinen Schwester bzw. tiefer Demütigung des Opfers, oft einhergehend mit zusätzlicher, mitleidsloser körperlicher Misshandlung sowie einem hohen psychischen Druck bzw. einer Bedrohung. Des Weiteren, jedoch insgesamt eher selten haben wir es zu tun mit Fällen sehr grosser <<Nähe>> zwischen den Geschwistern, die scheinbar <<freiwillig>> von beiden Seiten gesucht wird und unter Geschwistern stattfindet, die damit gegenseitig eine Lücke, ein emotionales Vakuum beim anderen füllen möchten.
Bislang hatten wir fast ausschliesslich mit Fällen zu tun, in denen der tätliche Part männlich und die Opfer weiblich waren. Darunter waren auch Fälle mit sehr grossem Altersunterschied zwischen Täter und Opfer - in einem Fall waren es acht Jahre! Diese Verhältnisse resultieren natürlich bis zu einem gewissen Grad aus unserem Zielpublikum, sind aber keineswegs damit zu erklären. Zwar beraten wir bei CASTAGNA einerseits die Eltern von betroffenen Kindern und andererseits die Gruppe der betroffenen weiblichen Jugendlichen oder in der Kindheit betroffene erwachsene Frauen, doch ist in der weitaus überwiegenden Mehrheit der Fälle der Täter männlich und das Opfer weiblich. Unsere Erfahrungen entsprechen somit den Erfahrungen anderer Einrichtungen andernorts.
Erwachsene, in der Kindheit vom Bruder bzw. von Brüdern ausgebeutete Frauen suchen unsere Beratungsstelle aus diversen Gründen auf. Meist leiden sie aktuell unter verschiedenen Einschränkungen, die in den traumatischen Erlebnissen in ihrer Kindheit begründet sind. Der Kontakt mit der Familie respektive mit dem Bruder ist ein hochbrisantes Thema für diese Frauen: Wie sollen sie mit dem in der Familie oft weiterhin tabuisierten Thema der sexuellen Übergriffe in der Vergangenheit umgehen? Wie sollen sie sich an den Familientreffen verhalten? Sollen sie überhaupt daran teilnehmen? Wie sollen sie mit den oft sehr destabilisierend wirkenden Erinnerungen bei den Treffen mit dem Bruder oder mit der ganzen Familie umgehen?
Oft erleben diese Frauen auch viele Jahre nach den erschütternden Erlebnissen, dass ihre Familie sich dem Bruder gegenüber loyal verhält, sie selbst aber, wenn sie das Thema auf den Tisch bringen möchten, als Unruhestifterinnen gebrandmarkt und gemieden werden. So wiederholt sich ein zentrales Drama ihrer Kindheit - die tiefe Isolation - einmal mehr. Diese Erfahrung ist immer wieder sehr schmerzhaft für Betroffene, denn sie reaktiviert alte Verletzungen - sowie natürlich auch Schuldgefühle. Viele mittlerweile erwachsene Betroffene empfinden nach wie vor starke Schuldgefühle gegenüber ihrer Familie und dem Bruder bzw. den Brüdern. Manchmal sind sie auch sehr verwirrt, und es fällt ihnen schwer, das, was damals geschah, neu zu bewerten.
Nicht zuletzt suchen uns auch erwachsene Frauen auf, die ihre eigene sexuelle Ausbeutung durch den Bruder niemals aufgedeckt haben, sondern vielmehr versuchen (oder versucht hatten), einen - von aussen betrachtet - <<normalen>> Kontakt zu ihrer Herkunftsfamilie zu pflegen. Einige Frauen brachen diese Kontakte erst ab, als die wiederholten Erinnerungen an die frühere Tragödie zu belastend wurden.

Viele Eltern begreifen nicht, was geschehen ist, ja dürfen ein solches Begreifen womöglich auch gar nicht zulassen. Denn zu begreifen würde bedeuten, dass sich alles respektive sehr vieles von dem, was sie sich aufgebaut haben, auflösen würde. Das Verstehen stellt also eine existenzielle Bedrohung für sie dar. In einem Beratungsgespräch braucht es dann sehr viel Fingerspitzengefühl, um den Eltern in den diversen Rollen, die Geschwisterinzest ihnen zwangsläufig abverlangt, beistehen zu können und sie zu stützen: Ein Kind oder mehrere Kinder sind zu Opfern, ein anderes oder mehrere andere Kinder hingegen tätlich geworden. Wir erleben sehr häufig, dass Verleugnung und Bagatellisierung des Geschehenen durch die Erwachsenen in Verbindung mit der alarmierten Aufmerksamkeit, die sich auf den <<erschreckend jungen>> sexuellen Angreifer richtet, dazu führen, dass sich das Opfer angepasst in sich zurückzieht. Der Angreifer steht im Fokus, das Opfer wird vergessen oder übersehen. Dadurch unterbleiben sowohl der notwendige Schutz als auch die therapeutischen Massnahmen für das Opfer gänzlich. Dieser familiäre Widerstand kommt dem Wunsch nach Ungeschehen-Machens des Traumas gleich, welcher den Blick auf die Wirklichkeit und die Tragweite dessen, was in der Familie tatsächlich geschehen ist, erspart. Viele Eltern werden von Schuldgefühlen überflutet, weil sie nichts von den Vorgängen unter ihren Kindern gemerkt oder sie zu unterbinden vermocht hatten.
Das tätliche Kind resp. der Jugendliche bekommt - wenn überhaupt - eine Therapie, damit er nicht noch etwas <<wirklich Schlimmes>> tut. Oder aber das Ganze wird bagatellisiert, indem die sexuelle Ausbeutung als Doktorspiel abgetan wird: <<Das wächst sich dann in der Pubertät schon noch aus>>, bekommen wir bei CASTAGNA oft dazu zu hören. Das Opfer brauche keine Therapie, lassen uns viele Eltern wissen: <<Unsere Tochter kommt ganz gut zurecht, auch ohne Therapie. Sie weiss jetzt, dass er das nicht mehr machen darf>>. Opfer müssen also schon deshalb funktionieren, weil sie sich als schuldig erleben. Sie empfinden sich als schuldig an der Katastrophe, die über ihre Familie hereingebrochen ist.
Häufiger treffen wir bei Eltern gar auf massiven Widerstand. Dieser Widerstand kann nur aufgelöst werden, wenn wir es schaffen, den emotional überforderten Eltern empathisch zu begegnen. Dabei müssen wir sie entlasten und ihnen stabilisierend wirkende äussere Strukturen anbieten können. Denn diese Eltern müssen sich letztlich der Realität der innerfamiliären sexuellen Gewalt unter ihren Kindern stellen. Das Opfer hat meist massive Schuldgefühle gegenüber dem Täter und zudem Angst vor weiterer Gewalt. Deshalb zieht es sich in der Regel zurück, zumal es die Reaktionen seines Umfelds erleben und sieht, wie das Familiensystem durcheinander gerät, der Bruder massive Probleme bekommt, die Eltern in Aufruhr sind. Das Opfer wünscht sich, nie etwas gesagt zu haben.
Das lässt sich gut nachvollziehen: Durch die Aufdeckung der sexuellen Ausbeutung verliert das Opfer in Tat und Wahrheit oft seine ganze Familie!

Unsere Haltung
Vorrangig ist der sofortige, absolute Schutz des Opfers vor weiteren Übergriffen. Dies lässt sich in vielen Fällen nur über eine Trennung der beteiligten Geschwister realisieren. Dazu werden die tätlichen Kinder oder Jugendlichen häufig in geeigneten Einrichtungen platziert. Seltener, nämlich wenn innerhalb der Familie der Schutz nicht gewährleistet werden kann, kommt es zur Fremdplatzierung des Opfers. Wenn Geschwisterinzest auffliegt und das ausgebeutete anstatt das ausbeutende Kind die Familie verlässt, besteht allerdings eine erhöhte Gefahr von Übergriffen des tätlichen Kindes auf weitere Kinder! Darauf sollte mithin ebenfalls geachtet werden. Gibt es noch andere Geschwister, eine kleinere Schwester oder andere Kinder im Umkreis der Familie, so darf der Schutz dieser Kinder nicht vernachlässigt werden - sie sind potenzielle Opfer.

Bei vorpubertären tätlichen Kindern deuten wir sexuelle Übergriffe als Zeichen dafür, dass ausbeutende und betroffene Kinder in grosser Not sind, auch wenn die Not des tätlichen Geschwisters nicht so offensichtlich ist. Die wichtigsten Fragen in diesem Zusammenhang sind, wie es den Kindern geht und was ihnen (beiden) genau fehlt. Oft drängt sich dabei eine Abklärung aller beteiligten Geschwister auf. Auch beim tätlichen Kind, das ja eine deutliche Symptomatik in Form der sexuellen Gewalt am Geschwister zeigt, ist eine therapeutische Intervention (unter Einbeziehung des Delikts) nötig, damit es andere Verhaltensweisen lernt und keine weiteren sexuellen Übergriffe begeht.
In die Überlegungen einfliessen sollten dabei die bei den Geschwistern zu erwartenden Beziehungsprobleme im Jugend- und im Erwachsenenalter. Dies ist nicht zuletzt mit Blick auf die transgenerationale Weitergabe der Missbrauchsdynamik angezeigt.
Gerade angesichts einer fortdauernden Überforderung der Eltern ist eine psychotherapeutische Intervention bei den beteiligten Geschwistern in den meisten Fällen angezeigt - und zwar beim Opfer auch dann, wenn im Moment noch keine eindeutige Symptomatik besteht. Den Hintergrund dafür bildet der Gedanke einer präventiven traumatherapeutischen Stabilisierung der Betroffenen: Dem Opfer soll separat ein geschützter therapeutischer Rahmen angeboten werden, in dem es Vertrauen fassen kann, sich in seinem Erleben mitzuteilen, ohne den oft verleugnenden und/oder bemitleidenden Abwehrstrategien der anderen Familienmitglieder ausgesetzt zu sein. Da betroffene Kinder vielfach das Gefühl haben, ohne den tätlichen Bruder verloren zu sein, brauchen sie intensive Unterstützung im Prozess ihrer Identitätsentwicklung. Anderenfalls ist die Separation der Geschwister oft nur durch eine weite räumliche Trennung zu erreichen. In vielen Fällen können sich die Opfer erst dann vom (über)mächtigen Bruder lösen.
Selbstverständlich lassen sich all diese Interventionen nur einleiten, wenn die Eltern bzw. die Obhutberechtigten diesen Massnahmen zustimmen.

Auch eine zusätzliche familientherapeutische Intervention ist normalerweise sinnvoll und hilfreich, da bei der Entstehung und der Aufrechterhaltung der inzestuösen Dynamik die innerfamiliäre Beziehungsproblematik nur allzu oft eine zentrale Rolle spielt. Vor der Einleitung einer familientherapeutischen Intervention sollte jedoch sichergestellt werden, dass weitere sexuelle Gewalt ausgeschlossen ist.
Alle Familienmitglieder, allen voran die Eltern, aber bis hin zum tätlichen Jugendlichen, werden in einen <<Sicherheitsplan>> einbezogen, dessen Ziel der Schutz der Betroffenen vor einem erneuten innerfamiliären Missbrauch ist (z.B. bei Wochenendbesuchen). Alle Familienmitglieder sind altersangepasst für die Einhaltung dieses Plans mitverantwortlich.
Scheitert dessen Einrichtung am Widerstand der Eltern oder erweist er sich aus anderen Gründen als nicht realisierbar, muss auch die Fremdplatzierung des Opfers in Betracht gezogen werden.
Ausgehend von dieser sicheren Basis (d.h. dem Schutz des Opfers und der psychotherapeutischen Behandlung des Opfers und des tätlichen Geschwisters) können ressourcenorientierte familientherapeutische Interventionen im nächsten Schritt darauf abzielen, intakte Grenzen und Hierarchien wiederherzustellen und eine offene und aufrichtige Kommunikation zu etablieren. Eine Voraussetzung dafür ist, dass der sexuelle Angreifer die Verantwortung für sein Verhalten übernimmt und daran auch von den Eltern nicht gehindert wird. Wir raten aber davon ab, die innerfamiliäre Inzestdynamik ausschliesslich familientherapeutisch aufzuarbeiten! Dies überfordert in der Regel sämtliche Familienmitglieder und birgt die Gefahr, dass das betroffene Kind einmal mehr zum Opfer wird und sich und seine Bedürfnisse quasi dem Familienwohl zuliebe unterdrückt.

Der Geschwisterinzest erweist sich somit als ein komplexer Sachverhalt, der in einem Beziehungsnetz einer Familie entsteht und darin fortbestehen kann. Geschwisterinzest ist nur vordergründig die Sache eines isoliert handelnden Akteurs, dessen <<Entfernung>> alles wieder gut macht. Um ihn zu unterbinden und um eine solide Basis für die Entwicklung aller Kinder zu ermöglichen, sind Interventionsmassnahmen nötig, die sowohl das Opfer als auch das tätliche Kind, aber auch die Familienstrukturen insgesamt betreffen. Beim Verdacht auf Geschwisterinzest empfehlen wir daher unbedingt, professionelle Hilfe einzuholen.


Literaturhinweise
Bange D. und Körner W. (Hrsg.)(2002) Handwörterbuch Sexueller Missbrauch. Göttingen: Hogrefe.
Bank S.P. und Kahn M.D. (1989) Geschwister-Bindung. Paderborn: Junfermann.
De Jong A.R. (1989) Sexual interactions among siblings and cousins: experimentation or exploitation? Child Abuse & Neglect; 13(2), S. 271-279.
Finkelhor D. (1980) Sex among siblings: A survey report on its prevalence, its variety, and its effects. Archives of Sexual Behavior, 9, S. 171-194.
Gilbert C.M. (1992) Sibling incest: a descriptive study of family dynamics. Child & Adolescent Psychiatric Mental Health Nursing, 5 (1), S. 5-9.
Hirsch M. (1999) Realer Inzest. Psychodynamik des sexuellen Mißbrauchs in der Familie. Gießen: Psychosozial-Verlag.
Romer G. und Walter J. (2002) Geschwisterinzest im Kindes- und Jugendalter. In: D. Bange & W. Körner (Hrsg.), Handwörterbuch Sexueller Missbrauch, S. 154-161, Göttingen: Hogrefe.


Dieser Text ist ein Auszug aus unserem Themenheft / Jahresbericht 2005 welches sie hier bestellen können. Verweise auf Seitenzahlen beziehen sich immer auf das genannte Themenheft.

 

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